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Frühling 2010

Sommer 2010

Herbst 2010

Winter 2010/11


Frühling 2010

Labyrinthe

Die einen bauen die Labyrinthe, die anderen verlaufen sich darin. Dies ist ein Satz des einstmals jungen Dichters Grehn, der ihn nach einer Lesung mal zur Weiterverwendung durch einen unbekannten Filmregisseur verkaufte, aber das Geld dafür nie erhalten hat. 20 Mark waren ausgemacht und ich war Zeuge. Die einen bauen die höchsten Häuser der Welt und die anderen stürzen sich runter, wandle ich ihn ab und verkaufe ihn weiter. Gleichzeitig verschenke ich hier beide.

Wir haben das Zeug zum glücklich sein wie kaum eine andere Tierart, sind es aber nicht. Warum? Es könnte alles so schön sein, ist es aber nicht. Darum. Das Unglück ist eine ernste Sache und wir haben eine Neigung zum Ernst. Jetzt könnte man zu etymologischen Spielereien kommen: Ernst und Angst. „The german Angst“, wie es sonst überall heißt, um die hier herrschende Grundstimmung zu beschreiben. Ebenso Armut und Arbeit. Auf gemeinsame Wurzeln deutende nach – und Vorsilben. Die Sprache verrät es immer. Obwohl die Systeme voneinander lernen. Die Verschlüssler und Entschlüssler. Die Verschweiger und Heraushörer. Aber vielleicht ist alles anders als man denkt. Vielleicht kann man sich im Ernst von der Angst befreien ohne lustig vom Wolkenkratzer zu springen. Und vielleicht gibt es ja doch eine Möglichkeit, sich durch Arbeit der Armut zu entledigen? Wer weiß das schon. Früher, wie gezeigt, war der Arbeitende auch arm. Und meistens, mal so global gesehen, ist er es heute noch. Und es bleibt ihm nichts weiter übrig. Aber: „Alles verwandelt sich in sein Gegenteil“, sagt der Chinese. Aus Lust wird Angst, aus Armut Arbeit oder umgedreht. Die Not bringt den Tod, aber sonst ist alles im Lot. Beim unserem durchschnittlichen Leibgewicht müssen wir natürlich in den erweiterten Begriffen von Not und Armut verhandeln. Armut ist hier, und überhaupt, ja auch immer Armut im Geiste. Vielleicht nicht nur im Geiste des Einzelnen, vielleicht da gerade nicht. Aber es bedingt sich oft genug in schlichter Gegenseitigkeit. Die Armut im Geiste ist natürlich echt nachtragend, wie wir an unseren sprachgeschichtlichen Beispielen schon bemerkt haben. Und: Dagegen ist kein Kraut gewachsen, heißt es. Doch: Die Hoffnung höret nimmer auf! Weswegen im Mai das Kraut des Polnischen Frühlings sprießt. Und das der ermunternd hörbaren Folklore und das des erleuchtenden Filmfestes. Diesmal im nagelneuen Vorführsaal, der den Namen eines anderen fashionablen Kurorts trägt: Sotschi. Reich und schön zu sein ist so einfach!

In diesem Sinne
Servus!
Ihr Dr. Horst Blender


Sommer 2010

20 Jahre Turmvilla

Angefangen als Jugendprojekt im Muskauer Park. Ein paar junge Leute in der alten Orangerie, die auch einmal als Jugendherberge herhalten musste. Das war die Zeit des Aufbruches und der aufbrechenden Kräfte, die da lange darnieder lagen. Träume und Illusionen hatte jeder einstmals im Osten. Und plötzlich schien alles möglich und alle Kräfte entfalteten sich. Auch weil sie glaubten, jetzt sei ihre Zeit gekommen, nicht unbedingt, weil sie es ganz genau wussten. Aber es war so. Dem Tüchtigen gehörte die Zeit, wenn ihm das Glück auch gehörte, und er ein paar Freunde hatte, auf die er sich verlassen konnte. Die gute Stimmung und die Gunst der Stunde bliesen in die vollen Segel des jungen Vereins. Wer gründete schon einen Verein? Jetzt musste es sein. Wer gründete eine Partei? Jetzt musste sie herbei. Man kann ja nicht 40 Jahre träumen und wenn es Zeit zum aufstehen ist, weiterschlafen. Doch wo ist sie hin, die unendliche Kraft der Jugend und des Beginnens?

Geblieben, im Gang durch die Institutionen? Verschlissen im rauen Gegenwind der neuen Zeit, die sich als die noch ältere entpuppte? Im zähen Kampf gegen die Windmühlen der Bürokratie? Oder ist sie gespeichert in den Etappensiegen? In den Fortschritten der Soziokultur, des deutsch-polnischen Austausches, im Beispiel ökologischen Bauens, in der Jugendarbeit?   

Die Träume haben sich verwandelt und im Lauf der Zeit den Praxistest bestanden. Im Seminarhaus schlafen Leute, im Oleander feiern, essen, tagen sie. Wie viele Jugendliche starteten von der Obermühle aus ihre neue berufliche Zukunft? Wie viele lernten dort, sich selbst wieder zu vertrauen, eine Perspektive zu finden?  

Das Leben ist anspruchsvoller geworden – und das Versagen leichter. Angst zu haben normal. Existenzangst auch. Wer kann unter diesen Umständen denken? Denken oder ducken, das ist hier die Frage. Und das war sie auch damals, vor den Zeiten des Aufbruchs. Am besten selber denken oder mit Freunden sich was Schönes ausdenken. Ach ja, das Geld. Oh jeh, das Geld, das Geld. Am Gelde hängt´s, zum Gelde drängt´s. (Goethe) Ich höre schon die Einwände. Ich höre schon das Barmen, Jammern, und Wehklagen. Herr, lass es Geld regnen! Oh, Herr!!

Doch wie sagt nicht schon der Kollege Goethe so schön: Im Anfang war das Wort. (will hier heißen: die Idee)   

Das Geld folgt den guten Ideen. Wenn es alle Tassen im Schrank hat. S.o.

In diesem Sinne
Ihr Dr. Horst Blender


Herbst 2010

Ananas und die Festwochen

Es ist ja jetzt schon einige Wochen her, wo ich das schrieb. An des Meeres Gestade, untergetaucht, Sonne drauf. Fern der Heimat, fern aller Nachrichten, nicht fern genug, eitles zu denken und zu tun. Wie dieses: Thomas Mann und ich wählen seit einiger Zeit denselben Sommerurlaubsort. Während ich im Meer liege, bereitet er seinen Vortrag für den Lions Club in München vor, in dem er von unserer (Halb)-Insel spricht, der Kurischen Nehrung. Was er entdeckt, was er erwägt – ich staune, wie immer. Und diesmal hier, ganz ohne Ironie. Liebevoll jede Nadel an der Lärche benannt, liebevoll jede Elchschaufel, Echse und Hafftaube erwähnt. Von Hafftauben ernährte sich der arme Mann hier früher. Das waren die Krähen, die er in weit gespannten Netzen fing. Wenn das nicht reichte, musste auch schon mal eine Postkutsche in den Schnee- und sturmverwehten Dünen verschwinden. Winters kalt und dunkel, ein Pelz ein paar Dukaten, Taler oder Rubel bringend. Anders heute. Fast jedes Haus ist zu einer Goldgrube geworden. Die Gäste zahlen den Schlafplatz und das Essen. Wer´s schafft, verdient im nächsten Jahr noch Mal so schön. So hilft die Zeit, wenn man die Gunst der Stunde auch zu nutzen weiß, über die bitterste Armut uns hinweg.  

Ist’s geschafft, gibt’s Sekt mit Ananas. Glückverheißend gülden glänzt die Ananas über Pücklers Orangerie in Branitz. Zeichen der Fruchtbarkeit und Süße. Zeichen der Samenfülle und des Saftes. Zeichen unvermuteter Möglichkeiten, fern ihrer eigentlichen Heimat. Die Idee, es zu versuchen und ein Gewächshaus, das sie schützt. Pflegsamkeit dazu. Auf der Orangerie in Muskau war die gülden Ananas fürs gemeine Aug ganz unsichtbar. Man musste schon ein rechter Spinner sein, um sie zu sehen. Spinners Geburtstag ist der 30.10.1785. Seine Nachkommen im Geiste feiern in der Woche zu seinem Geburtstag hin, den ihrigen 20igsten. Sein Geburtstag ist auch unser Geburtstag, drum kommt und feiert die Turmvilla-, Spinner- und Ananasfestwoche mit. Eine Ausstellung zur besagten Frucht wird mit Sekt eröffnet, nebst anschließendem Gala-Diner, dem Cineasten und Heimatkundler werden Filme gezeigt, dem Eingeladenen Reden geredet und alle gülden strahlenden Ananas’ und Sonnen angeschaltet. 20 Jahre Soziokulturelles Zentrum, 20 Jahre, in denen ich dieses Wort verstehen lernen konnte.

Wie mich der Kollege Mann, Thomas jüngst beim Bernsteinsammeln fragte, was das ist, konnte ich ihm antworten: So etwas wie der Lions Club, bloß anders. Tu Gutes und sprich darüber. Er lässt schöne Grüße ausrichten – und wünscht alles Gute.

In diesem Sinne
Ihr Dr. Horst Blender


Winter 20010 / 11

Ich

bin hier der Quartalskasper und Gewissens-Schlaumeier. Ich bin das Sprachrohr von den erstürmten Höhen der Kultur. Ich bin der Rufer in der Wüste und ich bin der Weihnachtsmann. Ich gehöre nicht zu der Propagandamaschine, bilde ich mir ein, die jeden Tag vor unseren Ohrenaugen tobt. Die schon alle Brüder und Schwestern gleichgeschaltet hat. Und uns bald auch. Also ich bitte euch: Denkt einen eigenen Gedanken und lest nicht weiter. Bitte. Am Ende gehöre ich doch dazu, wenn nur als Rauschen, vielleicht. Zu der Propagandamaschine, die noch den Rest Gehirn der Massen frisst. Kaufen, kaufen, kaufen, kaufen. Nur wovon? Wünschen, wünschen, wünschen! Diesen oder jenen Quark. Und wer’s vergisst, den erinnern wir daran. Auch noch in den letzten drei Sekunden vorm Wetterbericht.

So wird das Gehirn ferngesteuerter Affen ausgelöffelt.

Traurig aber wahr: Eine Menge unserer Kinder glauben, dass Muslime gefährliche Leute sind. Und dass die Hartzis der Abschaum sind. Und dann schickt Ulrich Wickert eine Spendenbitte. Hübsch fotografiert mit einem süßen Kindchen drauf. Mit Kulleraugen. Das alles kriege ich, wenn die Post verteilt wird, weil ich das Weichei der Familie bin. Lies kein Buch zuviel, sonst hast du deinen Stempel weg! Dazu gibt es noch ein Bändchen, von dem Kulleraugenkindchen selbst geflochten. Das bringt Glück, wenn ich’s mir um den Arm binde.

Das meiste, was im Ostfernsehen kam, haben wir damals nicht geglaubt. Das war auch nicht schwer, so wie die sich angestellt haben. Die wussten ja, dass man weder weglaufen noch den Mund aufmachen konnte - großartig.

Es funktionierte aber auch eher symbolisch. Wer das nachplapperte gab sich zahm oder wollte hoch, oder beides. Echt deprimierend diese Mechanik.

Die Chancen sich zu äußern, stehen heute besser. Aber zeig mir die, die nicht deprimiert ist.

Es geht um’s Denken. Es geht um Pückler und den Weihnachtsmann. Wobei Pückler im allgemeinen unter – und der Weihnachtsmann, im allgemeinen, überschätzt ist.

Zu verschenken haben beide eine Menge.

Aber auch ihnen könnte man mal was schenken. Dem einen einen Gedanken oder den Besuch einer Ausstellung. Dem anderen ein Buch, was der dann weiterverschenkt. Wie es so seine Art ist. Wir empfehlen was von Giovanni di Lorenzo und seinem Kumpel, wo beide über sich, ihre Kindheit und ihre Eltern sprechen. Ich habe das Interview der beiden dazu in der Zeitung gelesen und war hingerissen. Eine Offenheit, ein neues Denken war zu spüren, wie schon lange nicht mehr. Hätte ich nicht erwartet. Schon gar nicht von zweien aus oben genannter Maschine. Vielleicht gehören sie auch nicht so richtig dazu. Sind wir schon drei. Vielleicht machen ja der Weihnachtsmann und Pückler auch bald nicht mehr mit – und sagen die Wahrheit über sich und ihre Verhältnisse. Da wären wir schon fünf. Wäre ein Anfang.

Mitmachen lohnt sich.

Ich freu mich drauf.
Ihr Dr. Blender



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