Kultur » Veranstaltungskalender » Kolumnen » 2006
Frühling 06
Vor der Liebe wird gewarnt!
Es vergeht ja kein Tag ohne. Ohne das Gerede darüber. Über die sogenannte Liebe.
Wohl dem, der in der Schule geschlafen hat. Der bleibt doch von einigem verschont, jedenfalls wenn das Radio läuft oder Music-TV. Weil er das Ausmaß des ganzen im englischen nicht erfasst. Gott schont die Törichten und Einfältigen.
Und dann steht noch das Fest der Liebe vor der Tür. Mitsamt Weihnachtsmann. Und allem Pi, Pa, Po. Geschenke, freie Tage, familiäre Besuche, überheizte Zimmer, Schnäpse, Tellerklappern, gute Ratschläge, Küsschen, Küsschen, Schulterklopfen. Wer dann noch das Silvesterbombardement überlebt, hat's bald geschafft – und alles ist endlich so wie immer. Nur noch einige paar Wochen tapfer sein – und es wird wieder warm. Da geht der Mensch heraus, und ist er noch so arm.
Dabei könnte alles so schön sein. Glöckchen Klingelingeling. Ruhe, Frieden, Andacht, Kontemplation. Zeit nachzudenken. Zeit schönster Melancholie. Zeit ein Buch zu lesen. Ja, das geht. Mit Spaß dabei. Lieber ein Buch über die Liebe lesen, als selbst darunter leiden. Kann ich nur sagen. Schon die Filmgeschichte lehrt: Vor der Liebe wird gewarnt. Sie verändert dich. Sie frisst dich auf. Sie bringt dich um.
Bücher über die Liebe gibt es jetzt in Muskau nagelneu und massenhaft. Da wäre zum Ersten, Bernd-Ingo Friedrichs: Leopold Schäfer. Eine kurze Biografie mit allerlei unterhaltsam und erschrecklichen Details. Für den Muskauer ein Muss. Darin auch die traurige Liebesgeschichte zwischen des Fürsten Pücklers Schwester und dem Dichter & Komponisten L.S.
Kinder dieser Stadt. Darin außerdem Momente einer Freundschaft kurzweilig facettiert. Die Freundschaft zwischen Schäfer und Pückler. Das Heft kostet 6 Euro, und ist auch an der Rezeption des Seminar und Gästehauses Turmvilla zu haben.
Ein weiteres Werk beschäftigt sich mit der Liebe des Fürsten zur abessinischen Sklavin Machbuba. Eine oft kolportierte Geschichte, hier das erste mal von ihr selbst erzählt. Aufgeschnappt hat das ganze ein gewisser René Beder, Reiseschriftsteller. Auch ein Sohn der Stadt. Die arme Machbuba kommt an der Seite ihres Herrn, des Fürsten, aus Afrika hierher. Sie ist krank, von ihrer Nebenbuhlerin nicht gelitten und geht dahin als dürre Leich. Adieu. Und der Fürst weint an ihrem Grabe heisse Tränen.
Lesung am 30.10. in der Matinee geplant.
Also, wir empfehlen diesmal keine sportlichen, sondern geistige Weihnachten. Denn, wie sagt nicht schon Leopold Schäfer so schön: „Ein wahrer Spruch ist mehr als Goldes Werth, denn von der Weisheit hängt das Leben ab – und eine Wahrheit früh erkannt zu haben, gäb manch Verlorner gern sein Bluth darum, der jetzt, wie Irrthum ihn betörte, büßt.“
Zurück zur schönen, schnöden und gemeinen Liebe. Sie höret nimmer auf. Außer manchmal, und dann wird´s schlimm. Am schlimmsten finde ich, dass je hässlicher und älter man wird, sowas noch mehr schmerzt. Wo man doch denken könnte, das sei ein Vorrecht der Jugend.
Dabei: Wer weiß schon in seiner planlos geilen Zeit worum es geht?
Und das Beste zum Schluss: Die Broschüre 15 Jahre Jugendprojekt im Muskauer Park e.V. erscheint. Aus Liebe zur Sache.
Dr. Horst Blender
Sommer 06
Brot und Spiele
Panem et circensis, wie wir Römer und Romforscher sagen. Eine so alte Regel, die immer noch gut ist. Für den, der sich Sorgen um sein Volk macht.
Damit es sich nicht langweilt. Nach dem Essen. FFF. Wir wissen, was gemeint ist. Wir wissen, daß das Abendland untergeht. Wir wissen vom faulenden, absterbenden Kapitalismus. Aber Wissen allein genügt nicht. Klementine.
Der Kaiser Franz sagt: „Die Welt zu Gast bei Freunden.“ Aber Mutti sagt: Fußball ist doof. 20 Mann jagen einem Ball hinterher. Und Mutti ist die klügste auf der Welt. Und das, was alle machen ist sowieso doof. Sagt Mutti. Und Mutti hat immer recht.
Man versteht es nicht. Volle Stadien, leere Straßen. Die Stille vor dem Schrei. Und wie sie schreien, klopfen, stampfen, treten, brüllen, jubilieren oder die Wut in ihnen ringsum alles zerspringen lässt.
Wo das plötzlich herkommt. Dieses riesige Gefühl. Diese Lawine. Die stand bestimmt im Stau. Und 22 Mann steigen aus den Mannschaftsbussen und lösen diesen Stau auf. Als leichtfüßige Ballartisten, Schamanen, Zauberer, Millionäre, Propagandaminister, Zielwassersäufer & Frauenverschlinger. Wer sie einmal gesehen hat, die Fußballerbräute. Jetzt nur mal in Cottbus. So kurz vorm Aufstieg, da wimmelt es von denen. Vor dem Spiel und nach dem Spiel übernehmen sie das Feld. Es ist, als hätte Gott sie ausgesucht, seine Lieblinge zu erfreuen.
Aber wenn Herta im Olympiastadion spielt und du fährst mit der U-Bahn zufällig auf der selben Linie, siehst du den Abschaum der Stadt. Das untere Drittel vom unteren Drittel. Du fragst dich, wo die alle herkommen. Die hast du doch sonst nie gesehen. Billigste Jeans im natürlichen hertablauweiss mit fransigen Herta-Aufnähern drauf und einer Flasche Feffi drin. Sie fahren zu ihrer Geliebten: Hertaaaa! Die einzige, die sie nicht zurückstößt. „Herta for ever, ick bleib dir treu.“ Wen das nicht zu Tränen rührt, bei allem Ekel, der hat kein Herz.
Aber auch wir Kulturwissenschaftler promovieren inzwischen über „Andere Völker, andere Spielweisen“.
Die Seminare finden unter freiem Himmel, vor der Grossbildleinwand statt. Auch in Muskau. Auch an der berühmtesten Restauration „Oleander“. Man sieht sich.
Und man sieht sich zum Obermühlenfest. Ein „Fest bei Freunden“. Ein Fest & eine gute Sache, die nach zweijähriger Bauzeit wieder in ihren Fortschritten zu besichtigen ist. Auch mit sozialökologischer Führung. Außerdem jede Menge Pogramm für Mutti und mich. Einen ganzen Tag lang. Wir finden Fußball ja doof. Wir unterhalten uns lieber. Oder basteln was, gehen auf eine Wanderung, lernen was dazu und setzen uns dann ans Lagerfeuer. Oder wir verfolgen das Spiel. Das Schauspiel auf dem Theater, das hier gastiert und unsere vergessnen Leidenschaften entfacht.
Ihr Dr. Blender
Herbst 06
Fortbildungen
Wem Gott will seine Wunder weisen, den schickt er gern auf Bildungsreisen. Der Mensch denkt, er tut was für seine Karriere – dabei ändert sich sein ganzes Leben. Da kommt ein junger Mann aus Kamenz und meldet sich für den Kurs: „Internationaler Gruppenleiter“ an. Der bringt Erfahrungen mit, aus seinem Jugendclub, ist relativ selbstständig, voller Tatendrang und reist mit seinem klapprigen, rostigen Fahrzeug an. Eine Kurs-Teilnehmer-Gruppe wird gebildet. Bei solchen Veranstaltungen darf man auf das Wort und das Phänomen „Gruppe“ nicht allergisch reagieren. Denn die „Gruppe“ spielt eine riesengroße Rolle. Hier bei der Fortbildung und dann natürlich beim praktischen Anwenden des Gelernten. Mit einer „Gruppe“ ist es wie mit einer Ehe. Man stellt sich ja alles so schön vor. Und dann hat man einen Haufen Probleme, die man vorher nicht hatte. Außerdem muss man sich kennen lernen. In so einer Fortbildungs-Gruppe geht das natürlich spielerisch.
Es sollen für die praktische Arbeit Untergruppen gebildet werden. Jeder heftet sich kleine Zettel mit seinen Talenten, Wünschen oder dem, was er nicht will an die Brust oder sonstwo hin. Unser junger Held aus Kamenz klemmt sich einen Zettel mit der Aufschrift: „Orga.Talent“ auf´s Herz. Er bleibt dabei ganz ernst und ist voll bei der Sache. Doch ich lache – und er fragt mich: „Warum??“ „Orga. Talent??, klingt interessant. Und das weißt du genau??“
„Kannst Du meine Freundin fragen“, sagt er.
Neben uns steht eine junge Frau in ausgesuchter Dark-Gothik-Kluft und blickt ganz bleich und wortlos in die Welt hinein. Die lernt unser junger Held gerade kennen. Für ihn ist sie wie eine Außerirdische. Sie hat überhaupt keine karrieremäßigen Ambitionen. Sie macht auch überhaupt nicht den weltgewandten und zupackenden Eindruck, den die meisten hier verbreiten. Sie sagt, sie schreibt lieber was. Sie ist eher der Typ: Lyrikerin. Und da beißt unser junger Held voll in die Stromschiene. Beim nächsten Treffen sitzen beide nur noch auf einem Stuhl. Stets engumschlungen und sich küssend. Der Rest der Mannschaft kämpft um beste Fortbildungsergebnisse und versucht dabei, die beiden zu ignorieren. Die selbst überhaupt nichts mehr merken. Denn unser junger Held beweißt sein „Orga.Talent“. Und sie wendet ihm ununterbrochen ihr mariengleiches Gesicht zu.
„Das kommt in jeder Fortbildung vor“, sagt die Veranstalterin. Manchmal muss man sie einfach wieder nach Hause schicken. Bis sie überhaupt wissen, was sie wollen. Die Freundin, die ich eingangs fragen sollte, was es mit seinem „Orga.Talent“ auf sich hat, ist nun nicht mehr seine Freundin. Der junge Held hat sich zu seiner außerirdischen Lyrikerin bekannt. Und sie sich zu ihm. Denn auch ihr früherer Verehrer verlor seinen Posten.
Es kommt ja immer anders, als man denkt. Doch wer relativ jung und gruppenkompatibel ist, dazu ein Interesse am internationalen Jugendaustausch hat, bewirbt sich für den Gruppenleiter-Kurs, trotz all dieser Gefahren, bei Anett Quint, hier in der Turmvilla. Der fährt dann auch mal in die Masuren oder ins Riesengebirge und übt sich in Gruppen und Gruppen-Leitungen. Vielleicht lernt er ja auch jemanden kennen. Für später. Zum zusammen arbeiten. Und organisieren und so.
Das ganze Pädagogische hat ja oft einen sehr schlechten Ruf. Schon lange. Früher hieß es: Die Volksbildung ist die Eiche, an der sich jede Sau kratzen kann. Es sollte damals aber auch jeder Lehrer werden. Und so wollte es natürlich niemand, der etwas Feingefühl oder ein Gewissen besaß. Jetzt heißt es auf der Universität: „Macht doch erstmal auf Lehramt, das ist eine sichere Sache.“ Und da melden sich auch wieder die Richtigen. Die werden dann mit 40 pensioniert. Vollkommen verzweifelt. Dass Lehrer ein schöner Beruf sein kann, der aber in der Hauptsache etliches Talent verlangt – wer sagt das schon? Wer sucht danach? Also das über sich herauszufinden, dafür wäre so eine Fortbildung schon nicht schlecht.
Und im Kino gibt es natürlich die besten und schönsten und idealsten Beispiele.
Zu sehen an der Kinotheke am 20.12. Titel: „Sein und Haben.“ Ein Lehrer, eine Schulklasse, ein französisches Dorf.
Winter 06/07
Urlaub und Weihnachten
Urlaub und Weihnachten sind die Charaktertests. Das sagte mal ein Freund zu mir. Ich wusste erst nicht was er meint, aber dann dämmerte es mir, denn er war verheiratet. Wenn man jung ist und keine Ahnung hat schnappt man ja so einiges auf und weiß lange Zeit nicht, was es bedeutet. Z.B.: „Abends ist man lieber verheiratet als morgens.“ Dass das stimmt glaubt man im zarteren Alter noch nicht, dass es eine grausige Wahrheit ist, erfährt man jedoch später am eigenen Leib. Ich komme in diesem Zusammenhang nun zu einem der schönsten Bonmots der jüngeren Filmgeschichte, von inzwischen leider ungeahnter Aktualität: „Hauptsache die Frau ist gesund und hat Arbeit.“ Das bekommt Michel Piccoli in „Der Kommissar und das Mädchen“ gleich zu Beginn gesagt.
Die Kollegen bedeuten ihm damit dass er ein Verlierer ist und dass sie ihn verachten – doch er will ihnen das Gegenteil beweisen. Eine schöne Geschichte um ein armes Schwein und das elende „sich beweisen müssen“ als gedemütigter Kleinbürger, die wir alle eines Tages sind. Damals gab es wenigstens noch einen Trost: Romy Schneider, die das „Mädchen“ spielte.
Wegen ihr bin ich erst immer ins Kino und dann „zum Film“. Jahre später, an einem schönen Wintertage stand unser kleines 2 Mann Team im Schnee hinter Vetschau. Mein oben schon erwähnter Freund sprach wieder einen seiner unvergessnen gepressten, wütenden Sätze: „Da kannst du machen was du willst, das klappt nicht!!“ Und stapfte verdrossen an mir vorbei, mit einem neuen Akku oder einem anderen Objektiv, das er vom Auto zur Kamera schleppte. Ich wusste nicht was er meint. Doch langsam dämmerte es mir wieder: Er sprach wieder von seinen ehehäuslichen Verhältnissen. Das musste einfach raus aus ihm. Ohne Vorankündigung und ohne Erklärung. Außer dieser, auf dem Rückweg: „Urlaub und Weihnachten – das sind die Charaktertests!“
Ich dachte: Hilfe, muss das wirklich immer so enden, irgendwann?? Wo doch alles so schön anfängt und die Sonne grad soo schön über dem verschneiten Feld hinter Vetschau steht. Aber Gott lachte abermals. Und foppt uns oft mit einer trügerischen Idylle.
Einmal hatte ich Weihnachten ganz für mich. Eigentlich ganz aus Versehen. Ich hatte da was durcheinander gebracht. Zu meiner Oma sagte ich: „Ich bin bei meiner Freundin“ – und zu dieser: „Ich bin bei meiner Oma.“ Wie ich das merkte, beließ ich es dabei und fuhr im schönsten grauen Abendlicht allein den Boulevard zur Siegessäule hinunter, um beim besten Chinesen der Stadt einzukehren. Kurz zuvor rief mich noch überraschend eine äußerst schmale, zarte, kluge, temperamentvolle und scharfzüngige Verführung der letzten Tage an – und kam mit. Es gibt also nicht nur Glückskekse, sondern auch Glückstage, die unvergessen bleiben. Selten kündigen die sich an. Außer manchmal, so wie hier.
Also: Am 29.12.: „culture beat“ im O´leander und im Kulturkeller. 3 DJ´s, 3 Bands und jeder Menge ungewohnter, schräger Deko zu unschlagbaren, die Lage der Massen würdigenden Preisen. Wer den Überflieger kennt, steigt um und fliegt hier weiter. Kann man auch jemanden kennen lernen und endlich alles richtig machen, so charaktermässig.
Apropos Höhen der Kultur: Nicht zu vergessen der Weihnachtsmarkt mit Glühwein und allem pipapo am 17.12.2006.
Für den, der noch kein Geschenk für seine Liebsten hat, wäre das noch mal ne letzte Möglichkeit. Die allerletzte sind dann sehr, sehr hübsche Kleinigkeiten, von der Lyrik bis zum Gutschein für ein candlelight dinner (!!) u.a. mit anschließender Übernachtung (!!!), für den der sich auch bis dahin noch keinen andern Rat wusste. (INFO dazu in der Turmvilla unter 035771-50029)
Mit den allerbesten Wünschen für die nächsten Charakterprüfungen verbleibt verbindlichst
Ihr Dr. Horst Blender
Diese Seite drucken...
