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Frühling 2008
Einbildung ist auch eine Bildung
Hieß es früher abschätzig, wenn jemand beharren aber nicht begreifen wollte. Wenn etwas, wie die Welt, z.B., ganz anders war, als er dachte. Wobei hier herauskommt, dass die anstrengend gewonnene Bildung der simplen Einbildung überlegen ist. Nur: warum? Es könnte doch alles so schön sein! Wenn´s so wäre, wie im Geiste schon erdacht und vorgestellt. Nur eben virtuell, nur eben „fast“, „beinah“ und „hätte…“.
Stehen zwei vorm Aldi. Da sagt der eine: „Keene Post ham wa mehr.“ „Nee“, sagt der andere. „Und die Schule reißen se ooch ab.“ „Ja“, sagt der andere. „Und jetzt kriegen wa nich ma mehr ne Tiefgarage.“
„So isses.“ Sagt der andere. „Was soll bloß werden??“ Fragt sich der eine.
Die grausige und sogenannte Realität lässt uns alle wieder in die Knie gehen mitsamt unseren Fantasien.
Muskau ist der Nabel der Welt. Wer´s noch nicht gewusst, dem sei es gesagt! Jedenfalls unserer Muskauer Welt, der einzigen, die wir haben. Und irgendwie sind wir doch alle Fürstenkinder. Und wenn sich ein Fürstenkind etwas wünscht, dürfte es doch für den Rest der sogenannten Welt nur heißen: Das ist ein Befehl!
Warum klappt das nicht??
Ich frage mich, wieso werden wir so missverstanden?
Wo wir es doch so gut meinen? Und warum kommen wir auf keinen wirklich grünen, grünen Zweig?
Weil wir nüscht zu sagen haben, und wenn, dann alle durcheinander und gegeneinander reden? Oder weil hier keiner mehr weiß, wie das Wort Wahrheit geschrieben wird? Oder weil diese blöde Wahrheit alles versaut.
Oder weil diese Mischung aus Angst und Misstrauen und Tricks überhaupt total ungesund ist?
Ist der Muskauer ein Mensch, über den Gott besonders gern lacht?
Fragen über Fragen. Macht und Machenschaften. Der Film von Arielle Kohlschmidt und René Beder, der dies alles zum Inhalt hat heißt: „Wird doch nüscht“ und behandelt die Akte Tiefgarage, die Gemütslagen der Eingeborenen, das Schicksal dieser Stadt und angrenzende Sachgebiete. Premiere ist am 18.5. in der Turmvilla, im Rahmen des Neiße Filmfestivals welches in diesem Jahr zum ersten Mal auch in Bad Muskau stattfindet. D.h. wenn wir eines schönen Tages eine weltberühmte, dem Paradiese gleiche Kurstadt sind, dann haben wir das Filmfestival schon da. Und die Leute kommen doppelt gern.
Und in Abwandlung einer berühmten Losung könnte man sagen: Lahme, Alte, Arbeitslose – erklimmt die Höhen der Kultur! Denn vor der Unbildung wird gewarnt: das werden wir dir schon einbläuen! Wer nich hören kann muss fühlen! Gegen die Dummheit ist kein Kraut gewachsen! Immer wenn jemand etwas nicht versteht, oder verstehen will, folgen die grausigsten Schmerzen.
Aber wir halten eine Menge aus.
In diesem Sinne
Ihr Dr. Horst Blender
Sommer 2008
Sommer vor der Wahl
Das Leben könnte so schön sein. So einfach, so übersichtlich. Alles im Lot eben. Aber immer kommt was dazwischen. Der Mann geht fremd, die Frau will ihn erschießen, die Kinder haben ne Fünf im Mathe, die Eltern kein Geld, das Auto ist kaputt. Die Anzeigenzeitung kommt, und keiner weiß, warum der Fernseher noch geht. Wenn man das Geld nicht für ein Bier bräuchte, würde man Lotto spielen. Da das aber so sinnlos ist, lieber ein Bier.
Es gibt natürlich Väter, die trinken kein Bier, verprügeln ihre Kinder aber trotzdem. Die Kinder denken eine zeitlang, das gehört dazu. Und sie denken, sie sind selber Schuld. Bis sie eines schönen Tages abhauen.
Einer, der ans Gute glaubt, trifft sie und bringt sie zurück zu ihren Eltern. Da, wo Lotto gespielt wird, aber kein Bier getrunken, stehen die Herrschaften rührselig in der Tür, die Treppe runter fließen die Krokodilstränen, bis nach tausend Dank die Tür wieder zu ist, und alles von vorn beginnt.
Da, wo kein Lotto gespielt wird, stehen zwei Flaschen Bier mit den Eltern an der Hand in der Tür, man versteht nicht, was die Flaschen sagen, nur ein Pfeifen, Gurgeln, Glucksen, Rülpsen ist zu hören - da denkt sich der Gutmensch, was soll ich das Kind hier abgeben – und nimmt’s unter den zustimmenden Lauten der Flaschen wieder mit zur vorübergehenden Unterbringung in einer entsprechenden Kinder - und Jugendeinrichtung. Hat der Bursche aber noch Glück gehabt. Seinem Schicksalskollegen mit den nüchternen Eltern bleibt dieser Befreiungsschlag verwehrt. Kaputt gehen vielleicht beide, aber der eine quält sich mehr und länger.
Wer weiß schon, wie man lebt, wer weiß schon, wie man das alles gut übersteht. Wenn weit und breit kein gutes Beispiel ist. Wenn alles Mögliche wichtig ist, nur das eine nicht. Hilfe und Verständnis z.B. ?
Wenn man die Stellenangebote hier in der Gegend liest, werden immer wieder Sozialarbeiter gesucht. Normalerweise fragt man sich: Was machen die überhaupt. Irgendwann bekommt man mit, dass man mit denen nicht tauschen möchte. Dass sie in oben erwähnten und anderen Fällen ihren Kopp und ihr Fleisch und ihre Nerven hinhalten.
Jetzt könnte man sagen: Die haben wir doch früher nicht gebraucht. Und man könnte darauf antworten: Wir haben nicht gewusst, dass wir sie brauchen, und wie sehr wir sie brauchen werden.
Nun scheinen Sozialarbeiter erstmal ganz schön naiv. Als wär überhaupt irgendwas zu ändern. Als wär die Welt ein Wunschprogramm. Als würde es nicht Aug um Aug und Zahn um Zahn gehen. Jetzt wollen diese Sozialarbeiter in den Kreistag, um dort für ihre Sachen zu streiten. Das Häufchen Gerechter nennt sich KJIK. Heißt ausgesprochen „Kinder und Jugendliche im Kreistag“. Muss man natürlich jetzt mitdenken. Die meinen das eher symbolisch. Denn sie sind längst keine Kinder und Jugendlichen mehr. Viel eher ihre Stellvertreter und Fürsprecher – in der täglichen schweißtreibenden Tat.
Also ich würde die wählen. Schon weil die machen, was sie sagen.
In diesem Sinne.
Dr.Horst Blender
Herbst 2008
Ausstellungen
eröffnen in diesem Herbst, auf die hat die Menschheit lange gewartet. Da wäre im Schloss die Dauerausstellung zu Pücklers Biographie und eben die zu seinen Gärten. Da kann man auch mal zwei Tage in Muskau bleiben und so richtig in Gedanken träumen und in Sichtachsen schwelgen. Da kann man eine Menge verstehen. Von der Schönheit der Welt oder davon, wie schön sie sein könnte. Und an wem das liegt. Und wie man darüber nachdenken könnte. Am dritten Tag könnte man sich dann die Pückler-Eis-Ausstellung in der Turmvilla ansehen. Und selbiges mal kosten. Zur Zeit gibt es drei Pückler-Eis Vergabestellen: Kaffee König, Bad Muskau: klassisch. Schoko/Erdbeer/Maraschino. Hotel Kristall, Weißwasser: auf dem neuesten Stand der Forschung. Lila/Orange/Grün. Und das im Vorwerckschen Café im Marstall - dass ich noch probieren muss.
Manch ein Mensch interessiert sich ja überhaupt nicht für Ausstellungen. Zwei Erwachsene, drei Kinder - da hört man lieber gar nicht hin, was da am Ende rauskommt. Und wer führe dann noch bis nach Kassel in die hessische Landesausstellung unter dem Titel: „König Lustigk“!? Kein Mensch. Und doch wär's für jeden ein Gewinn. Wir sollten Fahrgemeinschaften bilden. Mathis Grünwald, der Maler aus dem Mittelalter, war in Berlin (Kulturforum). Und Bettina Rheims, die Fotografin aus Paris auch (Postfuhramt). Jewgeni Chaldej, der Russe, der den großen Vaterländischen und andere Kriege auf seine einmalige, vielsagende Art fotografierte ist noch da (im Gropiusbau). Man Ray kommt. Doch scheinen diese Orte wie in einer anderen Welt. Zwei Kulturen? Oben/Unten, Bauer/Edelmann? Nie gehört. Wovon redet der? Die einen sehen was, was du nie siehst? So ist es.
Jerome Bonaparte (König Lustigk), der jüngste Bruder Napoleons, war in Kassel - und dort König von Westfalen - was er von seinem Bruder mit den angrenzenden Ländereien geschenkt bekam. Dort sollte er einen Musterstaat aufbauen, wo jeder gleiche Rechte hat, ohne Frohn und Leibeigenschaft und ohne Prügelstrafe. So schön war es seinerzeit nicht alle Tage. Als er nach sieben Jahren von seinem Bruder auf dem Rückweg von Moskau wieder eingesammelt wurde, und diese Weltrevolution ein Ende nahm, hoben die Westfalen ihren alten Herrscher, der alles rückgängig machtem, samt Kutsche in die Höh. Man glaubt es nicht. Oder war das schon Propaganda? Oder war das die Angst der Untertanen, die durch Liebedienerei dem Schlimmsten vorbeugend entgehen wollten?
Vielleicht falsch verstandener Fortschrittsstolz tilgte ja auch einen der schönsten Straßennamen Muskaus: Stockgasse. Benannt nach dem Stockhaus, das dem heutigen Eiskaffee Stefanie gegenüberstand. Der Denkmalssockel auf dem erst der Kopf Graf Arnims und später die Friedenstaube zu sehen war, steht da noch im Gebüsch, auf selbigem Platz. Dass es dort Hiebe gab, verrät der Name. Und würde es uns heute noch verraten, täten wir ihn lesen.
Hätten wir ein Museum, gingen wir hin? Schaden könnte es nicht. Doch das Gute ist wie immer näher als nah. Mein Freund, der Dichter Thomas Rottluff, gibt sich die Ehre, unter dem Titel „sage und schreibe“ am vorletzten Sonntag im September eine malerisch lyrische Ausstellung nebst einer Buchpremiere zu präsentieren. Veranstaltet von und in der Turmvilla. Ein Muss. Unter den Blüten der Provinz!
In diesem Sinne Stets Ihr Dr. Horst Blender
Winter 2008/09
Geben ist seliger denn nehmen!
Und wer das glaubt wird selig. Das ist ja ohne Ironie nicht mehr auszusprechen. Denn: wer glaubt schon an den Weihnachtsmann? Und da die Kinder wissen, dass wir lügen, sehen sie uns auch schon so ungläubig an. Die Herkunft des Weihnachtsmannes ist ja auch nicht vollständig geklärt. Manche sagen ja er kommt aus den finnischen Wäldern und trug Züge der germanischen Götter Thor und Balder. Andere sagen, berechtigterweise, Santa Claus kommt vom heiligen Nikolaus. Und der brachte früher die Geschenke. Am Nikolaustag, wann sonst? Und Weihnachten kam das Christkind. Wer sonst?
Aber Luther und Coca Cola, gegen die ja seit je wenig Kraut gewachsen ist, sahen ihre Chance im Weihnachtsmann. Der Erste nahm den Nikolaus mit seinen guten Eigenschaften und seinen Knecht Ruprecht mit den schlechten und fertig war der Weihnachtsmann. Die Rute und die Nüsse bekam er von seinem finnischen Kollegen – zum Zeichen seiner Fruchtbarkeit und damit er den Winter übersteht. Dass dann die Kinder, die Zeugnisse seiner Rute, darum bitten müssen, dass er sie wieder einsteckt, somit friedlich bleibt und sie nicht damit verhaut, hat auch wieder seine eigene traurig hintergründige Ironie.
1931 malte der Grafiker Haddon Sundblom einen Weihnachtsmann für Coca Cola und der Sieg war perfekt. Fast. In manchen Gegenden soll ja immer noch das Christkind kommen. Sogar ganz in unserer Nähe, bei den Lausitzer Sorben. Ein seltener Brauch, schön anzusehen. Dieses Christkind wiederum deutet auf das Mädchen hin, das als dessen Enkelin mit Väterchen Frost unterwegs ist. Jedenfalls, so wie ich mir das zusammenreime. So rein slawisch spekulativ.
Als Spekulant jedenfalls hat man ja sonst nicht viel zu lachen. Als Opfer der Aufklärung in der 5. Generation habe ich zwar nun keinen Gott mehr, aber dafür umsomehr einen Pabst. Als der sagte: „Wer sein Leben auf materielle Werte baut ist, auch wenn´s lange ganz, ganz anders aussieht, ist verdammt. Denn der wird alles verlieren, weil er nur auf Sand gebaut hat. Jenau so isset, würde der Berliner sagen.“ Da fühlte ich mich zwar angesprochen und getroffen, aber ich musste auch lachen, als ich meine Kollegen in der Vatikan Bank schwitzen sah. Denn die Verlockungen des Goldes sind übermenschengroß. Für jeden armen Sünder. Und der Glauben an die wundersame Geldvermehrung auch. Bis die schaumig-schillernd-bunte Blase platzt, mitten im Traum. Und die Privat-Jets bleiben unten. Aber wer nicht geben kann, dem wird genommen werden. Durch himmlische Fügung. Und wer nicht teilt in der Zeit, bleibt allein in der Not.
Jedenfalls im aktuellen Beispiel. Sonst natürlich, haben schon so manchen Spender die Hunde gebissen, frei nach dem Fluch der guten Tat. Aber das gehört schon mit zu den Verkehrungen der Gottvergessenheit. Und zum Glauben daran, dass man ungestraft davonkommt. Im jüngsten Beispiel der Geldverbrennungen jedenfalls, auch internationale Finanzmarktkrise genannt, wäre es besser gewesen das Geld zu verschenken, wie so oft hätte man schon das Gefühl haben können, dass es besser gewesen wäre, bei manchen Investitions– oder Ausgabeposten. Denn die Armen gebens ja gleich wieder aus. Und prompt kommt's zurück. Zu den Reichen die es ihnen gaben. Das Geld. Und die Cola.
Servus, und eine schöne Zeit
Ihr Dr. Horst Blender
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