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Frühling 2009
2009
Ich kannte mal eine Anarchistin. Aus Frankreich. Schwarzes Haar, schwarze Augen, rotschwarze Fahne. Die sagte, als sie mich als Ostler erkannte – und hielt sich abwinkend dabei die Nase zu: Buhh une communiste! Und die sagte auch: „No Hope“. Als wir die Weltlage besprachen. Ich war da optimistischer.
Das war vor 10, 12 Jahren. Für mich war klar: Am Ende finden wir (wir alle, die Menschheit und so…) immer eine Lösung. Irgendwie war mir so amerikanisch praktisch zumute. Heute gehen wir mit zwei Kriegen ins neue Jahr. Der eine an Jesu Geburtsort, der andre im Morgenland, nicht weit von da. Da fällt mir unser beherztes Gespräch von einst ein – und das Zitat: „No Hope“. Sie hatte eben Ahnung. Und ich nicht. Das Gefühl hatte ich gleich.
Jetzt feiern wir ja 60 Jahre DDR. Und ich habe endlich mal Gelegenheit eine Verschwörungstheorie loszuwerden. Im Übrigen kann ich nur davor warnen, ein Leben als Verschwörungstheoretiker zu führen. Da kommt ein dummer Zufall zum andern. Und plötzlich besteht die Welt aus zahlenmystischen Formeln und irrwitzigen Verdächtigungen, nebst den selbst dazu gereimten Zusammenhängen. Z.B. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Über dieses schöne Triangel habe ich als FDJler einen kleinen Aufsatz geschrieben, damals in der DDR – und das Abzeichen für gutes Wissen bekommen. Inzwischen glaube ich die französische Revolution war eine englische Intrige. (Neun Leute saßen, wie ich hörte, gerade in der Bastille.) Und die Engländer mit ihrem hintergründigen Humor gaben die drei hübschen Wörter oben drauf. Ein Spaß, über den die meisten immer noch nicht lachen können. Aber spätestens wenn man sieht, dass diese Parole an den staatlichen französischen Irrenanstalten über der Tür steht, merkt man, dass da was nicht stimmt.
Ich höre die Engländer lachen. Bis heute. Aber am schönsten war ja: „Wir sind ein Volk!“ Wir erinnern uns, etwas was niemand bezweifelt hat. Und habe mich gefragt: Wer kommt denn auf sowas? Dann bin ich ins Kino gegangen. Es kam „Taxi Driver“. Ein amerikanischer Kultfilm aus den Siebzigern. Wollte ich schon immer mal sehen, so als Cineast, hatte man ja viel Gutes drüber gehört. Ich ahne nichts Schlimmes. Aber was muss ich hören: „Wir sind das Volk!“
Und mir war klar: Ich war einer der ersten Ostler, der den Film überhaupt sieht. Wo also, bitteschön wollens denn die andern her gehabt haben. Fragt man sich in genau dem Moment, in dem man Verschwörungstheoretiker wird. Und merkt, wie schön der Spruch sich verwandeln lässt. Ein Schelm der da nicht vorher drüber nachgedacht hat. Der Unterschied zu „Stasi in die Produktion“ und „Bananen auf Mallorca für alle“ war zu groß. Das kam aus der bürgerlichen Ecke. Dieses hochtrabende Volksgetue. Wie damals in Paris. Wir erinnern uns 1789. schon die Jahreszahl sagt doch alles. Oder? Aber genug davon.
Jetzt wird’s Frühling. Ein schöner, polnischer dazu. Näheres dazu im Heft.
Salut!
Ihr Dr. Horst Blender
Sommer 2009
Gewählt ist gewählt.
Obama ist gewählt.
Angie wird wieder gewählt.
Westerwelle träumt davon.
Und die Linken werden von ihren Tribünen winken.
Auf deren Fähnchen steht: Geld tut stinken.
Wir wissens alle. Wir stinken selber. Eher vor Armut als wegen zu voller Taschen. Doch wer hier arm ist, gilt andernorts als reich. Und wer hier schon sich als ein Reicher fühlt, ist für andere wahrhaft Reiche unsichtbar wie ein Bettelmann oder eine Frau die ins Alter gekommen ist.
Es ist gemein. Und vorher, beim Träumen, immer schöner als hinterher. Bei der ersten freien Wahl in der DDR habe ich natürlich Bündnis gewählt. Die aufrechten Kämpfer gegen den erdrückenden Stumpfsinn. Komme ich also aus dem Wahllokal steht meine Freundin draußen und wartet mit ihrem schnippisch überlegendem Gesicht: Na, was haste gewählt? Bündnis? Birne wird sich bedanken! So, da hat ich´s wieder mal. Stand ich da wie der Thor. Gut gewollt ist noch lange nicht gut gemacht. Wie wir längst wissen.
Aber was bleibt uns übrig, als das gute zu wollen – und die zu wählen, die vielleicht auch das Gute wenigstens wollen. Alles andere ist uns zu hoch. Zu kompliziert, zu detailliert. Und gesagt wird immer das, was gerade nicht verschwiegen werden muss. Aber auf das, was nicht gesagt wird, kommt es an. Eines Tages gab es in Berlin eine Bezirksreform. Weniger Bezirke, weniger Verwaltung, das war die Parole. Warum aber gerade West mit Ostbezirken zusammen gelegt wurden und die Ostbezirke selbst, zeigte sich für den Gutgläubigen nach der Wahl, die im Osten viel zu rot ausfiel. Und hätte man nicht die Bezirke reformiert, sehe es im Senat noch schlimmer aus. Für die Vordenker der Reform.
Also mal vorgestellt, jemand ist gegen das militärische Mitmischen in Afghanistan. Oder das Militär selbst. Wählt er die Linke, aber es ändert sich nichts. Die Mehrheit hat Recht, auch wenn sie Unrecht bekommt. Stimme erhoben, den Schaden aber nicht behoben. Wie viel Vernunft setzt sich durch? Wer sind die Vernünftigen? Ist Vernunft das beste Rezept? Gewinnt man eine Wahl mit Vernunft? Nur Unvernünftige glauben das.
Die zynische Ironie der Wagenlenker und eine verblödete Jugend. Was braucht man mehr? Deutschland, das ist dein Untergang. Aber ich sage Euch eines: Die Großklappen kommen und gehen – aber die Probleme bleiben größer. Zeig mir die Unentwegten die nicht nur das Gute wollen, sondern auch schaffen. Schnell ist was versprochen. Schnell ist die Illusion zerbrochen. Sieht jemand noch durch? Glaubt jemand noch was? Da hilft nur eines: Fernsteuerungen aus Parteizentralen abstellen, selber machen. Leute wählen, die sich vor Ort in ihrer Arbeit bewährt haben. Wenn es mal wieder was zu wählen geben sollte, hier.
Ihr Dr. Horst Blender
Herbst 2009
Passkontrolle
Plötzlich aber geht das nur Express, erfährt man am Telefon. Dazu diese herzlose, dreiste Stimme. Wie eine Nutte die schon auf dir sitzt, aber jetzt sagt: Kostet doppelt! Also erklimmt man selbst die Burg. Dreifach gesicherte Türen, Wechselsprechanlagen, deprimierte Menschen in den Gängen. Ich stell mich an. Der vor mir kennt das Spiel und sagt: Aufregen hat hier gar keinen Zweck. Die lassen dich am ausgestreckten Arm verhungern. Das dache ich mir und halte still.
Dann werde ich auf die Probe gestellt. Die Krankenversicherungsbelege sind noch einmal auf ein besonderes Formular zu übertragen. Für mich und meine Freundin. Die ist aber 200 Kilometer entfernt. Die Unterschriften sind zu leisten. Unterschreibe ich für sie mit und er lässt es durchgehen habe ich gewonnen. Unterschreibe ich nur für mich und er braucht ihre Unterschrift auch, habe ich verloren, die Frist verpasst und kann mir nur noch zwei Sachen leisten. Das Expressvisum oder den Urlaub. Der einfache, unbescholtene Mann in mir siegt. Ich unterschreibe für mich und lasse ihre Seite frei. Der Russe grinst und schweigt und legt es auf seinen Stapel. Dann steh ich an der Kasse an. Nur mit Karte, aber weil mit Karte, nur mit Aufschlag. In einer Woche darf ich es mir abholen. Vor der Tür die Riesenschlitten der Visa -Händler. Wäschekörbe voller Pässe. Schönes Geschäft. Eine Woche später steh ich wieder vor der Botschaft und es ist ein Zettel draußen dran. Auf dem steht: Die Kanzlerin trifft sich mit Medwedjew, deswegen bleibt hier alles geschlossen. In dringenden Fällen gibt es das Express-Visum. Es ist ein Spiel bei dem sich die Regeln täglich ändern können. Klassisch für eine Diktatur, wie Eingeweihte wissen.
Drinnen ein Mann, der sagt: Warum erschießt ihr den Zaren, wenn sich doch nichts ändert? Für Russen, die hierher wollen, soll´s auch nicht einfach sein. Vielleicht ist das die Retourkutsche. Vielleicht sind das die Reste einer Zeit, die wir schon gut und gerne vergessen haben. Vielleicht ist das die Welt, aber nicht unsere.
Vielleicht kriegen wir schon gar nicht mehr mit, wo wir leben. Merkel traf sich mit Medwedjew. Erster Tagesordnungspunkt: Gegenseitige Hilfe bei der Kriminalitätsbekämpfung. Ahnt man was sich dahinter verbirgt? Hinter dieser kleinen Geschichte verbirgt sich der Geburtstag des Fürsten am 30.10. und die Empfehlung seine Reisebeschreibungen zu lesen (die noch lustiger sind) – und zu der schönen Ausstellung: Fürst Pückler lädt zum Diner – hier in der Turmvilla zu kommen. Zum Ansehen und zum Kosten.
Hoffe, sich gut erholt zu haben.
Herzlichst Ihr
Dr. Blender
Winter 2009 / 10
Wird doch was!
Als wir den Film „Wird doch nüscht?“ fertig hatten, war ich gegen das Fragezeichen am Ende des Titels. Diesen Rest Hoffnung fand ich uncool. Das Einrichten ins Unvermeidliche war doch eine gute alte slawische und Ostler-Tugend. Ich bevorzugte das bequeme Leben eines Fatalisten. Es ist wie es ist. Es kost was es kost. Was kann ich schon machen? Gornüscht! Bestenfalls kann man darüber lachen, wie alle Versprechungen den sogenannten Bach runter gehn. Man hat's ja kommen sehn.
Jetzt ist die Welt wie verwandelt. Plötzlich geht’s los. Schule, Kita, Englische Brücke, Kur und Markt. Von Schloss, Park und Löwen schon keine Rede mehr. Jetzt wird’s langsam unbequem in der bequemen Haltung. Kein darüber Lachen mehr, keine Ausreden zum raushalten. Es gibt viel zu tun, genau wie Pückler es am Ende des Films sagte. Es ist fast wie zu Hause: Jeder sieht, was er tun kann – und tut’s. Und wenn er sich nur einbringt als jemand, der hier den Aufschwung im Geiste mitträgt. Das Geld für alles kommt nicht aus Muskau. Sollten wir uns deswegen schämen? So wie jeder Almosenempfänger irgendwann ein schlechtes Gewissen bekommt? Sollte uns das schlechte Gewissen immer noch dazu verleiten, zu sagen, dass alles Quark ist? Weil alles hätte noch eine Nummer größer oder noch ganz anders sein können?
Bescheidenheit ist eine Zier und in die Umstände, da füge ich mir. Würde der von den Umständen nicht mehr ganz so enttäuschte Fatalist sagen. Aber Undank ist ja aller Welten Lohn, wie wir wissen. Die, die das Ruder so sachte rumgerissen haben? Bekommen die ihren Dank? Man wird es sehen. Tauschen will mit denen keiner. Der Mann der großen Versprechungen hat abgedankt. Die Illusionen sind geplatzt. Sie zu verkaufen, wird sich gelohnt haben. Wir haben das Metier gewechselt. Keine Luftschlösser mehr. Ende der Ruinenzeit. Wir sollten uns damit abfinden. So schwer es fällt. Am allerallerlangsamsten bauen wir unseren eigenen Kopf um. Und unsere Sprache, mit dem, was wir gewohnt sind zu sagen. Bei der Nationalen Volksarmee und bei der Deutschen Volkspolizei sollten sie von heut auf morgen nicht mehr „Genosse“, sondern „Herr“ sagen. Da ist denen fast die Zunge gebrochen und die Rübe geplatzt. Und das hat gedauert. Jetzt schaffen sie es. Wir bestimmt auch. Bald. Drauf anstoßen könnte man beim schönen Pückler-Diner, nebst Ausstellungseröffnung, am 31.Oktober im Restaurant Oleander. Eintragen könnte man sich sowas in den Kalender „Original Nachrichten aus Bad Muskau und der Standesherrschaft“, den es in der Turmvilla zu kaufen gibt. Und schon hätte man auch ein Weihnachtsgeschenk.
In diesem Sinne!
Alles Gute & Liebe!
Ihr Dr. Blender
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